Vorbei

Treppe

 

Juli 2012

Vorbei


 

Heute war er fällig – der Weg zurück, der Weg in die Vergangenheit. Ich hab mich zurecht gemacht. Mir geht es gut, besser als zuvor. Das möchte ich zeigen. Die Entscheidung war richtig. Oh ja, das war sie! So saß ich nun fein gemacht in der Bahn und nahm den Weg wie immer. Es ist nicht mal so lange her, da überfiel mich Übelkeit wenn ich an diesem Ort nur vorbei fuhr. Heute würde ich sogar aussteigen. Aber es musste sein, ein letztes Mal. Abschied nehmen, für immer. Die Erinnerungen ordnen und abheften. Und dann ab in den Schrank damit. 5 Jahre waren gut, 5 weitere schon zu viel. Wie die meisten setzte auch ich auf Sicherheit und ließ dafür alles geschehen. Die Tage wurden abgelebt und das eigene Ich verkauft.

Die Bahn füllt sich je mehr sie sich dem Zentrum der Stadt nähert. Heute bleibe ich ruhig, mein Leben ist aufgeräumt. Menschen stellen keine Bedrohung mehr da. Emotionslos schaue ich über sie hinweg. Ich bin nicht mehr für sie verantwortlich. Beim Aussteigen überlege ich kurz und entscheide mich für einen anderen als den üblichen Weg. Heute ist alles anders. Ich kann kommen und gehen wann ich will, nicht wie es mir diktiert wird. Es brauchte lange um mich aus diesen Zwängen zu befreien.

Ich denke nichts und fühle nichts. Nur das sich die Schleife meines schicken geschnürten Pumps lockert, fordert mein Interesse. Ich nehme nichts wahr, habe nur einen Auftrag zu erfüllen. Die hohen Schuhe laufen flott und hinterlassen ein klackendes Geräusch auf dem Steinfußboden. Die Schaufenster der kleinen Geschäfte sehen wie immer aus. Es hat sich kaum etwas verändert. „Werden Erinnerungen mich quälen?“, schießt es mir durch den Kopf. „Finde ich Einlass und alles so vor wie ich es verlassen hatte?“. Flüchtig streife ich die Gesichter der Menschen – fremdes Begegnen und geheimes Agieren. Die dunkle Brille verbirgt meinen Blick. Flink husche ich durch die Tür nach unten. Schmutzig wie die Luft sind auch die von Neonlicht erhellten Gänge. Stickiges Dickicht, unendliches Labyrinth. Welch ein Widerspruch zum oberen Stockwerk, dort wo der potentielle Käufer umworben und mit süßlicher Stimme verführt wird. Der freundliche Angestellte, eigens dafür geschult, steht im engen Jackett auf der ihm vorgeschriebenen Position und hat sein Selbst schon lange verloren.

Der Schlüssel passt. Die Zeit scheint stehen geblieben. Gut das ich fort bin. Die Hoffnung hat sich totgetreten, nur noch ein winziger Spalt dient den Hiergebliebenen zur Flucht. Hier ist nichts von Wert. Ich räume auf und lasse die letzten Fragmente des Gestern im Müllkasten verschwinden. Noch ein letzter Blick zurück und die Tür fällt ins Schloss. Für immer.

Ich fühle mich frei. Ein Gefühl, welches schon längst vergessen war. Das macht stark und lebendig. Beim Atmen dringt Sauerstoff bis hinunter zum Nabel und breitet sich letztendlich wohltuend im gesamten Körper aus. Lange war das nicht mehr möglich, wie zugeschnürt erschien die Kehle. Langsames sterben, ganz unbemerkt.

Der Mensch ist grausam wenn man ihn lässt...Mit dem Schwert in der Hand verlasse ich die Arena. Ich halte es fest und bleibe auf der Hut. Dieser Ort spricht von Last und Selbstaufgabe. Leere Blicke sprechen für sich. Ihre Geschichten begleiten mich. Sehnsüchtig schaut man mir nach...

.ich bin Eine die es geschafft hat.


 

Mit mir geht die Erkenntnis – Rettung erfolgt nur im Innern eines Selbst.

 

 

 

PfeilErzählungen / Zeit

PfeilGästebuch

 

 

Besucher gesamt: 

Gerade online:        


 

Nach oben