Sommerfrische - Teil 1

 

20.10.2013

Sommerfrische


 

Ankunft

In diesem Jahr begegne ich dem Meer von einer anderen Seite. Dort kämpfen die Männer mit Säbeln, wie mein Vater scherzhaft zu sagen pflegte. Zum Glück tun sie das schon längst nicht mehr, sonst täte ich besser daran zu Hause zu bleiben. Mit Schwingen aus Metall fliege ich hoch über den Wolken meinem Ziel entgegen. Nie gesehenes Land und Tage voll glänzendem Lichts erwarten mich. Der Bauch des metallenen Vogels ist gespeist mit Hab und Gut jedes Einzelnen, sorgsam auf ein Minimum begrenzt. Durch kleine Bullaugen fällt der Blick auf die Welt wie er sonst nicht alle Tage zu haben ist. Aber wie überall gibt es auch hier Menschen die sich von Landschaften nicht sonderlich beeindrucken lassen.

Sehnsüchtig wünsche ich mich von meinem Platz weg. In der ersten Reihe, fensterlos hinter einem kleinen Vorhang sitze ich auf einer Art Notsitz der, wie es scheint, nicht für Passagiere gedacht war. Die Maschine ist voll ausgebucht und gibt einen Vorgeschmack auf das was kommen wird. Ich schließe die Augen und versuche trotz der mir zugewiesenen Ungemütlichkeiten etwas zur Ruhe zu kommen. Nachdem die Flugbegleiter und diverse Toilettengänger über meine Füße stolpern gebe ich es auf und beginne stattdessen die Eilenden zu beobachten. Aufmerksam verfolge ich die Arbeit der Flugbegleiter die sich gemeinsam mit mir die kleine Kabine teilen. Welche Illusionen hat man doch über dessen Tätigkeit in den Wolken. Vor Ort sieht alles viel nüchterner aus. Träume zerplatzen wenn sie Wirklichkeit werden.


Die Sonne im Gepäck und mitgebucht geht es dann in kleinen Reisebussen an die Strände des Landes. Müde Augen erfassen durch ungeputzte Fensterscheiben erste Eindrücke. Lässt das Schlafmittel Hitze ein paar Wachminuten zu, wird leichte Konversation betrieben. Über dies und das in Sprachen die ich nicht verstehe. Fremd unter Fremden in einem fremden Land. Soviel „Fremd“ könnte depressive Wirkung haben. Das schöne Wetter und das zu erwartende prachtvolle Hotel halten mich zum Glück davon ab. Gleich die ersten Stunden nach meiner Ankunft widme ich dem Meer. Die Wellen schaukeln wie von unsichtbarer Hand getrieben, denn Wind ist nicht zu spüren. Ich nehme es wie eine Begrüßung, ein Willkommensgeschenk. Nichts ist schöner als Lebendigkeit in seiner natürlichsten Form. Ich lächele in das Blau hinein und gehe in Dialog. Wir haben uns schon immer verstanden, das Meer und ich. Wenn Seelen verschmelzen bedarf es keiner Worte. Der Schwätzer schwätzt für sich allein. Nur der Stille erfasst die wahre Tiefe und beherrscht die Kunst der Wahrnehmung.

Der Strand füllt sich. Die noch über Mittag verwaisten Strandlaken werden jetzt von massigen Körpern bedeckt um unter kleinen Strohschirmen zusammengepfercht den Tag zu verschlafen. Pralle Lebensfreude körperlich zum Ausdruck gebracht. Von allem ein „Zuviel“, Zeichen des Wohlstands und Merkmal unserer Zeit. Das Gesunde gilt als krank und das Kranke als gesund. Die Menge bestimmt was gut und richtig ist. Wenn alle das gleiche tun kann es nicht verkehrt sein. Der Andersdenkende gilt als Außenseiter und Exot. Ich strecke meine Glieder und der noch zu Haus kritisch beäugte Bauch ist plötzlich keiner mehr. Jetzt trennt mich nicht nur die Sprache von den anderen. Was tue ich hier? Und wer sind die Anderen? Hatte ich mir doch ein ruhiges beschauliches Plätzchen am Meer gewünscht. Stattdessen sitze ich inmitten geballter Menschlichkeit. Den Rest der Welt scheint es hierher getrieben zu haben.. Nun gut, ich will nicht klagen, bin gut versorgt. Es hätte mich schlimmer treffen können.

Im Nachbarhotel geht es turbulent zu. Eine fröhliche Stimme schallt aus dem krätzenden Lautsprecher und scheint ins Gefecht mit den ruhewilligen Urlaubern zu gehen. Ähnlich einer Wolke ziehen die aneinandergereihten Sätze des Animateurs in einer Sprechblase über den Köpfen der Urlauber hinweg. Als sie sich entleert, hat auch der Letzte die Message verstanden: „Jeder Unsinn ist immer noch besser als die Leere im Innern eurer Seelen. Also seid dabei, immer und überall“. Die Stimme animiert zum Tätigsein. Sind wir das nicht schon das ganze Jahr über? Hat der Mensch verlernt Entspannung zu pflegen? Mir wird das Ruhen verwehrt und ich hoffe auf den Abend in aller Gemütlichkeit. Vor meinen Augen ziehen Schiffe im Seeräubstil vorüber. Mächtige Fratzen aus Holz schauen von der Reeling düster auf das Gewimmel am Strand. Die Geschwindigkeit mit der der mächtige Schiffskörper durchs Wasser gleitet hat nichts mehr gemein mit der Art von altertümlichen Schiffen. Rasant kommt es näher und gibt den Blick frei auf eine wild tanzende Gruppe von Menschen. Im künstlich erzeugten Schaum winden sich ihre Körper zum Discosound. Eine Animationsfahrt. Und tatsächlich finden sich täglich neue Partywillige. Gemeinsam mit dem Schnellboot welches Fallschirme hinter sich her zieht, gehen sie in Konkurrenz mit laut dröhnenden Klängen.

Jedem das Seine. Ich mache mich auf den Weg um nach etwas Natur zu suchen. Die Küste ist überschaubar. Zu beiden Seiten drängeln sich Hotel an Hotel aneinander. In der Hoffnung ein Ende zu finden laufe ich los. Es wird gebuddelt, geschrien und die Sonne angebetet. Der Rest präsentiert seinen Bauch stolz beim Strandgang. Vornehmlich machen hier kleine Kinder mit ihren Eltern Urlaub. Vorrangig sind es die gleichen Landsleute. Den Deutschen scheint es hierher nicht verschlagen zu haben. Langsam nimmt die Anzahl der Liegen ab und es wird ruhiger. Ich bin nervös und frage mich wie ich das 2 Wochen aushalten soll. Wiedereinmal bin ich dabei und will es eigentlich garnicht. Die ewig Reisende mit dem Auftrag zu sammeln und zu wissen. Niemand kennt den Ort, den einzig richtigen. So irren wir umher und verlaufen uns nicht selten.

Erschöpft mache ich eine Pause und nehme auf meinem kleinen Handtuch Platz. Die Sonne steht im Zenit und hat direkten Zugriff auf meine Hirnwindungen. Meine Haut glüht unter dem Sonnenschutz 50+. Der Sturz ins Meer ist eine Wohltat. Jetzt weiß ich wieder warum ich hier bin. Ich möchte schwimmen eine ganze Ewigkeit. Bis nichts mehr zu sehen ist vom kultivierten Strand. So lange bis alle Gesichter verschwimmen und nur noch das Meer und ich zurückbleiben. Weich und fast zärtlich umspült das Wasser meinen Körper. Die hohen Wellen tragen mich. Ich hab keine Angst. Hier geschieht mir nichts.

Erfrischt und entspannt nehme ich den Weg zurück. Die größte Hitze ist vorüber. Die meisten machen sich zum Abendbrot zurecht. Am Strand werden die Liegen im rechten Winkel ausgerichtet. Der schnauzbärtige Strandwart hat dabei keine Eile. Wie alles hier. Die Sonne gibt ein sonderbares Licht. Es ist die Tageszeit zu der Fotos mit der Kamera am Besten gelingen. Es sieht nach Feierabend aus. So nach „ich hab es geschafft“. Still und friedlich eben. Es läuft sich jetzt schön. So könnte es immer sein. Wieder vor meinem Hotel angekommen stelle ich fest, das es das Beste hier ist. Frisch renoviert und in guter Lage. Freude kommt auf und Zufriedenheit. Kein Mensch ist mehr zu sehen. Es gelingen mir traumhafte Fotos. Ein Liebespaar sitzt eng umschlungen am Ufer. Fast schon ehrfürchtig schauen beide aufs Meer. Es kommentiert ihre Liebe mit wohligem Plätschern. Die Sonne verabschiedet sich wie immer in einem Kleid aus rotem Licht. Oben im Restaurant des Hotels bekommt kaum einer etwas davon mit.

 

 

Sommerfrische - 2

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