Sein oder nicht

06.05.2012

Sein oder nicht


Eine Pflanze am Gartenzaun zieht heute meinen Blick auf sich. Wie aus einem tropischen Urwald erscheint ihr Äußeres. Sacht wiegen sich ihre riesigen Blätter im Rhythmus mit dem Wind. Und es scheint, als würden sie mir zuwinken. Ohne direkt zu wissen was ich zu erwarten hatte, pflanzte ich sie voriges Jahr in den Boden. Mit jedem neuen Sonnentag entfaltet sie ihre Größe und zeigt mir ihre Gunst. Großen Tellern gleich, plazieren sich die Blätter in Etagen übereinander. Das Blattwerk ist ihr einziger Schmuck. Sie prahlt nicht mit Blüten oder Früchten, sondern hält sich schlicht und dennoch imposant. Natur, Natürlichkeit – nichts ist aufgesetzt.

Ich lache in den Sommerwind. Fällt mir doch mein immer wieder täglich ablaufendes Ritual der Schönheitspflege ein. Dem Künstler gleich, arbeite ich mit Farben auf Paletten, ziehe Linien, wäge ab und gebe mir einen Ausdruck. Es ist eine Art Kunst an mir selbst. Hier möchte ich meinen Durst nach Kreativität stillen, meiner Sucht nach Harmonie gerecht werden. Ich erliege dem Zwang eine gewisse Ordnung schaffen zu müssen. Erhalte Befriedigung durch tägliche Wiederholungen.

Unruhe in Ruhe wandeln, alles in Einklang bringen. Nicht ohne Lust an der Sache selbst. Meinem Feingefühl und Schöngeist einen Körper geben, sichtbar werden zu lassen. Sichtbar nach außen, so das die Blicke wie warme Berührungen über meinen Körper gleiten. Zuneigung im weitesten Sinn. Alles was der Mensch tut, beruht darauf. Seinerselbst geliebt zu werden. Angenommen sein und in seiner Existenz bestätigt. Das verleiht Flügel die über Wolken tragen. Liebe als größte Kraft.

Ich bin mein Kunstwerk. Ist es gelungen, stimmen die Farben mit meiner Seele überein, bin ich zufrieden. Energie geht davon aus. Wie ein Gemälde in das der Künstler alles gelegt hat, sich geleert hat bis zur Erschöpfung, um dann wieder neu zu entstehen. Das ist das Gesetz - Werden und Vergehen. Es gibt kein Ende. Nur für einen Tag, dann beginnt alles wieder neu. Das Leben erscheint in seiner Unruhe als ständiger Kampf um Leben und Tod. Die ewige Unzufriedenheit, die ewige Suche sind Bestandteil des Daseins. Es gilt, sich immer wieder neu zu erfinden, um dann den kurzen Moment des Erfolgs zu feiern. In diesen Augenblicken erfahren wir Glück.

Glück erlebbar, spürbar durch seinen Gegenspieler dem Unglück. Nur Gegensätze lassen fühlen. Der Weg zum Wollen führt über den Verlust. Das menschliche Wesen erfährt sich in seiner schmerzlichen Ohnmacht. Diese Ebene zu verlassen und in anderen Dimensionen neue Möglichkeiten zu erfahren, wäre einen Versuch wert. Irgendwo muß einem doch das viele Denken nützlich sein.

Ich schaue in den blauen Himmel, so als gäbe er die Antwort. Doch heute bekomme ich sie nicht...



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