Insel der Kindheit - Teil 4

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03.06.2012

Insel der Kindheit Teil 4


Vor lauter Gier hatte ich die doppelte Dosis Leben genommen. Wie immer, und bei allem was ich tue. Ich achte nicht auf mich und auch kein anderer tut es. Und am Schluss wundere ich mich über das Ergebnis.

Nachdem ich wie eine Wahnsinnige die ganze Insel beradelt, die Steilküsten abgelaufen und die Naturschutzgebiete durchquert habe, nahm ich mir vor heute etwas ruhiger zu treten. Was ist das und wie soll es aussehen, höre ich meinen von starken Willen geprägten Verstand sagen. Musst du mal meinen Körper fragen, gebe ich ihm zur Antwort. Doch der bleibt still und duckt sich.

Die Nacht schenkte Kraft und wieder rollt das Rad über den Asphalt. Warum ist mein Kopf so stur. Hofft er auf das kleine Mädchen von damals zu treffen? Der Leuchtturm hebt sich majestätisch über das Land. Er ist immer einen Ausflug wert. Auch wenn ich schon 1000mal dort gewesen bin. Die Insel wird heute von zahlreichen Touristen bevölkert. Ein Feiertag steht im Kalender. Dem einen Grund zur Freude, mir ein Graus. An solchen Tagen verfällt der Mensch dem Wahn etwas Besonderes tun zu müssen. Heute soll es passieren, was immer es sei. Hauptsache anders und großartig. In Gruppen drängeln sie sich durch die Landschaft, nehmen ihr die Ruhe und mir auch.

Ich nehme den gekennzeichneten Fahrradweg. Doch schon bald werden mir die vielen abgestellten Räder am Wegesrand klar. Bergauf läuft es sich halt besser. Ich quäle niemanden gern, auch mein Rad nicht. Zu Fuß erreiche ich dann den Aussichtspunkt. Wie schön der Blick doch ist. Das hier ist unser Planet, unsere Welt, ein Stück Erde für das es sich zu leben lohnt. Nicht die Städte, in denen wir zusammengepfercht leben wie Vieh im Gehege und uns selbst etwas vormachen. Ohne Luft, ohne Freiheit, versklavt und verbraucht. Künstliche Nahrung mit Geschmacksverstärker essbar gemacht, füllend und preiswert zugleich. Der Dumme frisst und stirbt frühzeitig. Die künstliche Befruchtung hält Einzug und der geklonte Mensch ist im Anmarsch. Der Computer nimmt uns schon jetzt das Denken und die Kommunikation ab. Weiterer Fortschritt nicht ausgeschlossen.

Den Leuchtturm lasse ich nun doch links liegen und steuere die 174 Stufen an, die hinab zur Steilküste führen. Währenddessen im einzigen Lokal auf dem Berg bereits kräftig gefeiert wird, nehme ich mir den mühseligen Abstieg vor. Es bleibt nicht ohne Lohn. An diesem Teil der Küste hat der Sturm schon seit Jahrhunderten gewütet und diesen Landstrich geformt. Der Wind bäumt die Wellen meterhoch auf und mit heftigen Getöse schlagen sie auf das steinige Ufer. Immer wieder und wieder, als wollten sie Stück für Stück die kleine Insel mit sich reißen. Das es teilweise schon gelungen ist, davon zeugen riesige herabgestürzte Baumteile. Inzwischen nackt, ihrer Rinde entledigt, liegen sie wie abstrakte Kunstwerke im Kies. Ich bin allein. Unwirklich erscheint alles. Hier existiert keine Zeit. Unendlichkeit als Ausdruck von Freiheit.

Niemand begegnet mir. Die Angst und die Vorsicht der Stadt liegen noch in mir. Wie Gewaltbereit ist man hier? Muss ich mich vorsehen? Mich fröstelt und ich beschließe den Rückweg anzutreten. Erschöpft komme ich oben an. Meine Schwäche erinnert mich an eine notwendige Zwischenmahlzeit. Im Ort ist derweil quirliges Treiben. Die Tagesbesucher kramen in den Auslagen der kleinen Geschäfte. Im Shoppen erhält der Mensch seine Befriedigung. Hier findet das Jagen nach Beute seinen Ausdruck. Mir reicht ein Fischbrötchen.

Der scharfe Wind kühlt mich aus. Jetzt weiß ich wieder, warum der sonnige Süden in den letzten Jahren mein Ziel war.




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