Insel der Kindheit - Teil 3




02.06.2012

Insel der Kindheit – Teil 3


Das Wetter tut mir keinen Gefallen. Es ist ein paar Grad zu kalt für meine Verhältnisse. Ich packe mich ein. Nur Mund, Nase und Hände liegen frei. Ich muss mir keine Gedanken machen, alle sehen hier so aus. Der Wind schränkt mich ein. Das Rad bewegt sich schwerfällig. Doch wenn ich hier bin, habe ich einen Auftrag. Nichts und Niemand hält mich davon ab.

Erstaunt stelle ich fest, wie viel länger mir doch damals die zurückgelegten Strecken im Gegensatz zu heute vorkamen. Unendlich war der Weg vom Hafen bis zur Ferienwohnung. Goldgelbe Kornfelder säumten die Landstraße. Die Hitze der Sommersonne ließ meine Eltern beim Transport des Gepäcks schwitzen und mich auf schöne Ferientage hoffen. Leichter Wind strich fast schon zärtlich über das dichte Korn. In der sanften Bewegung verbanden sie sich wie die Noten zu einem Lied und begannen leise zu flüstern. Die bunten Feldblumen übertrafen sich an Schönheit. Mit den Jahren lernte ich das Korn in Weizen, Roggen, Gerste, Hafer und Mais zu unterscheiden und insbesondere die Insel zu lieben.

Heute sind die Felder unendlich saftig grünen Wiesen gewichen. Wie dem Holzbaukasten Marke Bauernhof entnommen, stehen dort Kuh und Schaf auf der Weide. Wenn ich hier bin, nehme ich immer diesen Weg und bestaune meine Erinnerungen. Die Landschaft hat fast schon einen therapeutischen Einfluss. Liegt es an der Farbe Grün? Oder ist es das friedlich grasende Vieh, welches ein unermessliches Maß an Zeit suggeriert? Vielleicht auch die Abwesenheit des immer wollenden, unruhigen und selbstsüchtigen Menschen? - Hier möchte ich bleiben. Möchte mich auf die Wiese setzen, die Farbe der Umgebung annehmen und Teil der Melodie sein.

Der Wind ist kräftig und unruhig. Er stört mich. Ich möchte ihm entfliehen, aber er ist allgegenwärtig. Mit seinen Armen greift er nach mir, durchdringt jede Faser bis auf die Haut. Es kostet Kraft ihn zu ignorieren. Ich spüre, er hat einen Auftrag, genau wie ich. Es ist sein Spiel und er gibt die Regeln vor. In solchen Momenten wird deutlich, wer die Macht hat. Seit Stunden bin ich unterwegs. Die Erinnerungen lagen da wie Fotos auf dem Tisch. Ich hab sie betrachtet und bin nun zufrieden. Der Wind zwingt mich vom Rad abzusteigen. Erschöpft strebe ich zielstrebig den Heimweg an. Nur langsam komme voran. Es scheint, als würde er mich tatsächlich hier behalten wollen...



Insel der Kindheit - Teil 4

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