Insel der Kindheit - Teil 1

Landschaft

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31.05.2012

Insel der Kindheit – Teil 1

 

Fährt man heraus aus der Stadt, scheint die Welt eine andere zu werden. Die künstlich geschaffene Perfektion verliert an Bedeutung, dem Auge bietet sich ein neues Bild. Man erhält den Eindruck hier fügt der Mensch sich ein in die Natur anstatt sie zu beherrschen. Der Verkehr wird ruhiger und der Baum erhält wieder sein Recht auf Freiraum und Mitbestimmung. Landschaften fliegen an mir vorüber. Frisches Grün dominiert und wird zeitweise durchbrochen von gelben Rapsfeldern. Der Zug hält oft. Es sind viele kleine Orte an denen Menschen ein- oder aussteigen. Friedlich sieht alles aus, der Lärm ist in der Stadt geblieben. Wie lange noch wird sich die Natur gegen die Umweltsünden halten können. Setzt sich die Vernunft durch, noch vor der Kapitulation?

Der Zug hält. Endstation – nun beginnt der zweite Teil der Reise. Der Abschnitt, der mich endlich vom Festland trennt. Man muss nicht weit weg um weg zu sein. Die Fähre trägt mich übers Wasser. In der Ferne sehe ich die letzten Bausteine der Stadt verschwinden. Good bye – ich brauch euch nicht. Mein Blick geht nach vorn. Tanzende Wellen glitzern im Sonnenlicht. Ein Gefühl der Freiheit kommt auf. Frischer Wind bläst die letzten trüben Gedanken fort. Leise schwingt der Motor im Takt und bringt mich gemächlich ans Ziel. Als Kind erschien mir die Fahrt unendlich lang, aber genauso interessant. Erinnerungen warten auf mich, ein Teil meines Lebens. Schöne Zeiten, aber auch schmerzliche. Beides gehört zusammen, so sind die Regeln.

Kindheit – eine Zeit mit liebevollen Eltern, Toleranz, Vertrauen und Geborgenheit. Das größte Geschenk, das man erhalten kann. Spielerisch bin ich damit umgegangen, ahnte nicht, das ich es irgendwann verlieren werde. -  Endlich..das Ziel ist in Sicht. Vertraute Bilder tauchen auf. Die Insel braucht niemanden, nimmt ihre Besucher aber freundlich auf. Hier wird die Natur geachtet und geschützt. Zum Dank erhält man Unberührtes und Wunderschönes. Ein Lohn an dem ich teilhaben und mich berauschen möchte. Der erste Schritt auf Land lässt mich wissen, das der rollende Koffer in meiner Hand zu viel Stadt in sich trägt. Hier gibt es keine Wichtigkeit, nur pure Natur. Sie nimmt Dich gefangen und ordnet dich behutsam ein. Es wird bewusst, wie viel Ballast man in sich trägt, unnötigen Mist, der sich aufbläht und Glückseligkeit vorgaukelt. Doch Glück ist nackt, es braucht kein schickes Mäntelchen.

Das Haus am Meer. Es hatte schon immer seinen Platz in meinen Träumen. Das Zimmer mit 15m liegt unter dem Dach. Klein, fein und ausreichend. Die Kindheit liegt ein paar Fahrradminuten entfernt. Der Abstand ist gut und richtig. Alles zu seiner Zeit. Ersteinmal vertraut machen und sich einrichten.Das frühe Aufstehen belohnt mich mit reichlich Zeit bis zum Dunkelwerden. Sofort mache ich mich mit dem Rad auf den Weg in die herrliche Landschaft. Noch unsicher bewege ich mich auf unbefestigten Wegen fort. Die Eierei mit dem Rad bringt mich zum Lachen. Radfahren kann man doch nicht verlernen, oder? Irgendwann zwingt mich der lockere Sandboden zum Fallen. Wie zum Hohn ertönt im Schilf des nahegelegenen Dorftümpels ein lautes Froschkonzert. Still bleibe ich sitzen und grinse. Auch bei meiner Weiterfahrt verbleibt es in meinem Gesicht. Dinge die man nicht in Schaufensterauslagen sieht fliegen an mir vorüber. Glückliche Kühe auf Wiesen, blökende Schafe, stolze Pferde, Scharen von Schwalben und Schönheit in reinster Form. Genauso hat es sich vor vielen Jahren in mein Gehirn gebrannt und ständig um Wiederholung gebeten. Kaum etwas hat sich verändert seit damals. Nur die Steilküste gibt Stück für Stück dem Meer preis. Dieser Gewalt lässt sich nichts entgegensetzen. Dafür liebe ich das Meer. Nichts stellt sich ihm in den Weg. Machtvoll herrscht es über Leben und Tod. Ich bewundere seine Kraft, seine Energie. In so vielen Jahren habe ich ehrfurchtsvoll am Ufer gesessen und seine Bewegung verfolgt als könnte ich ihm sein Geheimnis entreißen. Wagemutig hab ich mich durch die Fluten gekämpft und mich mit ihm verbunden. Eine Liebe für immer.

Dort steht es nun. Das Haus meiner Kindheit. Ich komme immer an diesen Ort wenn ich da bin. Schön ist es in der Zwischenzeit geworden, ist mit der Zeit gegangen, dem ständigen Wunsch des Menschen nach äußerer Darstellung gefolgt. Wie gebannt starre ich auf das Gemäuer und seinen Veränderungen. Wie ein altes vergilbtes Foto in einem längst vergessenem Album rührt es an Erinnerungen... Damals war das kleine Stadtmädchen für die Dorfjugend ein Exot. Meine mitgebrachte Puppe oben im Fenster unserer Unterkunft kündigte alljährlich meine Anwesenheit an. Allen war das bekannt. Abenteuer warteten auf mich. Als Stadtkind stand ich allen anderen in nichts nach. Mit weißen Strumpfhosen erklomm ich genauso wie meine Freunde die Steilküsten der Insel, durchforschte einsame Gegenden und begab mich in Gefahr bei unseren Streifzügen durch verlassene Bunker aus Kriegszeiten. Wie hab ich diese Jahre der Wildheit geliebt. Die zerzausten Haare zu zwei dichten Zöpfen geflochten, mit zerkratzten Füßen und sonnengebräunt, gehörte ich bald zur Insel und seinen Bewohnern. Die Phasen des Ausbruchs der Krankheit meiner Mutter in dieser Zeit verdränge ich. Es wäre zu schmerzvoll und würde am Geschehenen nichts ändern. Ihr früher Tod kann nicht rückgängig gemacht werden. Ich kann nur daraus lernen.

Mein Rad nimmt den gleichen Weg wie vor Jahren gemeinsam mit meinen Eltern. Ich hatte gutaussehende Eltern. Meine Mutter, eine attraktive Blondine und mein Vater, ein dunkler Typ mit blauen Augen, gaben ein schönes Paar ab. Ich hatte jedoch den Eindruck ihre Ehe hielten sie nur noch meinetwegen aufrecht. Doch nie ließen sie es mich bewusst spüren. Meine Mutter, lebenshungrig und extrovertiert, mein Vater, ein stiller Intellektueller – beide prägten meinen Charakter. Ich bin dankbar für meine Kindheit, die sie mich in aller Freiheit genießen ließen.

Mein Fahrrad lasse ich jetzt stehen und gehe zu Fuß weiter. Auch wenn die Insel ausschließlich nur das Rad als Bewegungsmittel zulässt, ist in manchen Abschnitten auch das verboten. Dann liegt sie vor mir, die malerische Steilküste. Ich bin wieder da. Ein Teil dieser Erde breitet sich vor mir aus, ein Stück Welt, ein Stück Heimat. Tief atme ich die salzige Luft ein. Es riecht nach Seetang, Muscheln, Steinen und Fisch. Wende ich den zwei Personen die außer mir noch da sind den Rücken zu, erscheint es, als wäre ich allein auf dieser Welt. Das Blau des Meeres verschwimmt mit dem des Himmels zu endloser Weite. Ich möchte mich auf machen und dessen Grenze erkunden oder mich in der Unendlichkeit verlieren. Ein Forscher werden und ein Wissender bis zur vorletzten Antwort.

Hier spüre ich keine Angst. Auf die Natur kann man sich einstellen, wenn man ihre Gesetze kennt und achtet. Hier geschieht nichts vorsätzlich Bösartiges. Ich laufe die gewohnte Strecke. Niemand begegnet mir. Gut so. Es gibt nichts zu erwarten und ich erwarte auch nichts. Die Wildheit des Meeres holt Dinge aus seinen Tiefen, die jetzt vor mir liegen. Geschenktes. Fast ist man erstaunt, das kein Geld verlangt wird, da es doch schon zur Gewohnheit geworden ist. Gibst du mir, so geb ich dir, heißt es in unserer Gesellschaft. Ich gehe in die Hocke und schiebe die Steinchen in üblicher Weise hin und her, hoffend auf einen guten Fund. Als Kind nahm ich immer etwas mit nach Hause. Nur in den letzten Jahren hatte ich kein Glück. Doch heute ist das anders. Neptun ist gnädig und lässt mir einen seiner Schätze zukommen. Ich glaube es kaum und sehe es als Zeichen. Mit den fossilen Fundstücken in der Hand schaue ich erwartungsvoll auf die See. Es ist windstill. Ich lausche dem leisen Flüstern der Wellen. Dankbar nehme ich das Geschenk an. Als Gegenwert gebe ich dem Meer meine Gedanken.

Der Tag neigt sich dem Ende. Es wird kühl. Seit 3 Uhr bin ich nun schon auf den Beinen und sichtlich müde. Ich freue mich jetzt auf das kleine Haus am Meer... … und auf kommende schöne Tage.

 

 

 

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