Der Ort an dem der Mensch...

12.04.2012

 

Der Ort an dem der Mensch seine Würde verliert

 

Mit der Hoffnung auf Verständnis und Hilfe, betrat ich das Gebäude. Eine Schlange von Menschen zeigte mir, das dies außer mir auch andere taten. Unschlüssig stand ich am Eingang und suchte vergeblich nach Orientierungshilfen, die einem Neuling wie mir die Richtung wiesen. So etwas in der Art wie „Anmeldung“ oder „Information“. Das findet man doch sonst überall.

Aber nicht hier. Die erste allgemeine Verunsicherung wuchs in mir. Sich einfach in die Menschenmenge einreihen wäre eine Möglichkeit. Doch durch nichts war erkennbar auf was hier gewartet wurde. Als sich der Fahrstuhl öffnete, war es wie eine Aufforderung. - Die oberen Etagen boten endlose Gänge mit unzähligen Türen und eine Stille die Einsamkeit aufkommen ließ.

Verloren – vorher und auch jetzt...

Wie in einer Zentrifuge torkelt der Mensch durchs Leben. Neueste Technologien und wissenschaftliche Erkenntnisse erhöhen ständig die Geschwindigkeit. Wer nicht mithält fliegt ins Nichts. Ein Zurück wird mühselig, die Türen verschlossen.Die einzelne Stimme geht unter im tosenden Gebrüll. - Ich müsse nach unten, meinte eine Frau am Schreibtisch.

Nur der Starke hat das Recht auf Beachtung.

Ich stellte mich in die Reihe von Wartenden. Sorgsam wurde der Weg vorgegeben. Eine Reihe von Bändern gab die Richtung vor. Wie die Hühner im Gehege. Die Öffentlichkeit der Abfertigung ließ keine Privatsphäre zu. Ähnlich der Post gab es Schalter. Hier erhält jeder eine Briefmarke und den Stempel der Nutzlosigkeit. -  Die Frau am Schalter, ein menschlicher Automat, krächzte und warf mit Pfeilen. Mein Gott, hatte ich dieser Frau etwas getan?

Mit mehreren Formularen ging ich in die mir genannte Etage. Gemeinsam mit anderen wartete ich die Zeit ab. Die junge Frau neben mir gab ihrem Telefon laut zu verstehen, das sie jetzt ihr Recht verlangt. Das auch das Recht seine Zeit der Bearbeitung braucht, wussten wir alle noch nicht. Gegenüber saß ein Mann, dessen leerer Blick nichts mehr zu hoffen schien. Nachdem die junge Frau mit ihrem Kinderwagen wütend aus einem der Zimmer kam, war ich dran. Die sichtlich nervöse Bearbeiterin ließ mich Platz nehmen. Fakten und Vorschriften ließen mich als Mensch verschwinden und zur Sache werden.

Manchmal gibt es Situationen im Leben, die Geduld und Ruhe verlangen. Sollte ich in der Zwischenzeit vom Stuhl fallen, wäre es auch nicht zu ändern. Die Mühlen der Gerechtigkeit mahlen langsam. Aber ohne Korn bleiben auch sie stumm.- Ich könnte meine Ernährung auf Lichtenergie umstellen. Dann wäre mein Problem gelöst. Und überhaupt müsste ich mit dem Umfallen warten, denn das ist nur im „angemessenen Wohnraum“ gestattet.

Alles was ich mir durch harte Arbeit erworben habe, soll ich jetzt hergeben. Wie ein Kind wirst du auf die Straße geschickt und bestraft. Du warst böse, hast pflichtbewusst deine Arbeit getan und dich durch ein Zuviel in diese Situation gebracht. Kannst du denn nicht besser aufpassen!!

Lange war ich krank. Jetzt habe ich aus-funktioniert und werde entsorgt. Im „angemessenen Wohnraum“ darf ich mich dann schrittweise auflösen. Meinen Schmerz schien die Frau zu bemerken und ließ mich zum Trost an dem ihrigen teilhaben. Na bitte, auch sie hat eine Seele. Wir taten uns gegenseitig leid. Fast schon herzlich war die Verabschiedung. Für einen Moment muss ich an die Worte eines befreundeten Psychologen denken, „Es ist alles nicht so schwarz wie du es siehst Mädchen...“. Nach meiner Meinung ist es eher anders herum, „ Es ist längst nicht alles so rosig wie du es mir weiß machen willst mein Lieber...“. - Die mühselig in der letzten Nacht am PC zusammengestellten Formulare in der Hand, stand ich wieder im Gang. Die Hoffnung auf schnellere Bearbeitung durch meine Vorarbeit hatte sich nicht erfüllt. Diese Form der Eigenarbeit wird nicht gern gesehen.

Würde, Besitz und Hoffnung bitten wir Sie am Eingang abzugeben!

Wie befohlen, machte ich mich auf den Weg in das Gebäude ein paar Straßenzüge weiter. Eisiger Wind schnitt mir ins Gesicht. Das Geld für einen Fahrschein fehlte.Die Strecke war lang. Mein Herz übernahm die Außentemperatur.


 

Das nächste Wartezimmer, die gleichen Gesichter. In dem Stück gab es noch andere Darsteller.

Spielst du schlecht, gehst du leer aus.

Die nächste Bearbeiterin war eine schmale Frau mit unruhigen Augen und schnellen Sätzen. Ihr harter Tonfall gefiel mir nicht. Wie aus dem Kanonenrohr kamen ihre Worte geschossen. Fast schon schämte ich mich für mein Leben, und das das auch noch Geld kostet. Ich hätte nicht viel zu erwarten, bellte sie wütend.

Gleich und gleich gesellt sich gern - wo nichts ist, kommt auch nichts dazu.

Mein Gehirn begann sich auszuklinken. Die Worte der Dame kamen bei mir wie ein Kreuzworträtsel an das ich nicht lösen wollte. Als hätte ich auf eine Zitrone gebissen, zog sich in mir alles zusammen. Die Luft wurde dünn. Giftige Elemente versuchten mich zu ersticken. Was ging in dieser Frau vor? Wahrscheinlich nichts. Sie macht nur ihren Job im Namen des Gesetzes. Und das nicht gerade gern, wie mir schien. (Und wieder fallen mir die Worte des Psychologen ein).

Verlasse diesen Ort und komme nie wieder, waren meine Gedanken. Aber auch das Recht zum Denken und Handeln wird mir abgesprochen. Meinen Antrag sofort zurückzunehmen, wurde mir nicht gestattet. Für heute braucht die Sache ihren Abschluss, wurde mir bestimmend zu verstehen gegeben.

Warum nur habe ich immer für alle und alles Verständnis?


Ein mieses Theaterstück auf einer schlechten Bühne. Nichts für meine sensible Seele. Erstaunlicherweise schlief ich in dieser Nacht ganz gut. Wahrscheinlich lag das an der Tatsache, das ich mich entschieden hatte. Am nächsten Tag rief ich an und erklärte freundlich, auf Hilfe zu verzichten. Das ich demnächst ohne finanzielle Mittel bin, hatte niemanden interessiert. Und mich jetzt irgendwie auch nicht mehr.

Jeder ist sich selbst der Nächste.

 

 

 

Achte auf Dich!

Gehe sorgsam mit Dir um!

Denn in der Not bist Du oft allein.

 

 

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