Der ganz normale Wahnsinn

02.02.2015

 

Der ganz normale Wahnsinn

 

Neujahr! Eine laute Nacht liegt hinter mir. Es wurde geknallt was das Zeug hält. Eigentlich wie immer. Nur diesmal hat es mich gestört. Ich bin geräuschempfindlich geworden. Aber ich habe mich tapfer gehalten. Lustig wollte ich sein und verrückt. So wie früher, nur ohne Alkohol. Dazu die Neugier ob es mir gelingt. Schon zu sehr ist er ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft geworden. Und jeder der nicht mithält gilt als Außenseiter.

Gefeiert wird bei Regina zu Haus. Mit Martina sind wir zu dritt. Jeder trägt seinen Teil zum Essen bei, damit nicht die ganze Arbeit an der Hausherrin hängenbleibt. Regina´s Wohnung ist geschmackvoll eingerichtet, modern und gemütlich. Ich fühle mich hier wohl. Aber irgendwie sind die beiden Mädels immer sehr laut im Gespräch, was leicht mein Nervenkostüm strapaziert. Um 24 Uhr geht es zum fröhlichen Knallen an die frische Luft. Nun gut.. verräucherte frische Luft. Ein Querschläger nimmt seinen Weg in Reginas neuen Mantel mit Webpelz, was unseren Aufenthalt im Freien enorm abkürzt. Der Mantel ist hin und die Laune für 1,5 Stunden auch. Aber es hätte schlimmer kommen können.

Zu allem Unglück kommt uns die blödsinnige Idee noch um halb 2 in eines der umliegenden Lokale zu schlendern. Wahrscheinlich um dem Silvesterabend um einiges aufzuwerten. Für mich ein Versuch an frühere feucht-fröhliche Jahre anzuknüpfen. Aber da gibt es nichts mehr anzuknüpfen. Ich hab mich verändert und wie ich feststelle gehöre ich nicht mehr dorthin. Die wogende Menge alkoholisierter Partygänger, der übervolle Saal, dröhnende Discoklänge und ein Gestank wie er sich kaum beschreiben lässt, gaben mir das Gefühl auch bald wieder verschwinden zu müssen. Im nüchternen Zustand ist diese Seite des Lebens schwerer zu ertragen.

Nun gut, ein Platz an der Bar gibt mir die Möglichkeit das Treiben genauer, sowie entspannter zu verfolgen. Mein Blick fällt zuerst auf den klebenden und stinkendenTresen vor mir. Anscheinend hat die Bedienung vor Stunden das Putzen aufgegeben. Mein geordertes Glas Wasser steht zwischen tausend anderen halbvollen Gläsern sämtlicher Größenordnungen in einer Pfütze von irgendwas.. Eines wird deutlich, hier wurde schon reichlich gefeiert und wird es auch weiterhin. Als will man mich von meinem Barhocker schubsen und zum Gehen drängen, bekomme ich von den ständig umher laufenden Leuten Schubser in den Rücken. Blödes Volk, dachte ich. Trotz später Stunde füllt sich der Raum regelmäßig mit „Neuen“ von draußen. Wo kommen die nur alle her?

Auf der Tanzfläche verrenkt man sich in wilder Ekstase zur aufgelegten Musik. Es hat den Eindruck, der Alkohol übernimmt nicht nur die Kontrolle über den menschlichen Geist, sondern auch über seinen Körper. Die Blicke scheinen leer und entrückt. Schaut man nur oberflächlich auf das gesamte Treiben, hat es den Eindruck einer fröhlich feiernden Gesellschaft. Auf den zweiten Blick fällt auf, das hier kein echtes Lachen zu finden ist. Viele ernste Gesichter begegnen mir und Einsamkeit in dunklen Ecken. Sie sind fast schon traurig, auch enttäuscht und voller Erwartungen die hier nicht erfüllt werden können. Wo dann, wird sich der Einzelne schon so oft gefragt haben, um dann fast mechanisch zum Trost das nächst Glas zu leeren. Der übervolle Tresen gibt Zeugnis.

Zwischendurch geselle ich mich zu meinen beiden Mädels auf die Tanzfläche. Tanzen kann ich noch, fällt mir auf. Obwohl es schwierig ist bei der Vielzahl wild hüpfender und torkelnder Leute. Martina ist in ihrem Element. An ihr klebt ein Verehrer. Stark alkoholisiert (was sonst), geil und mit gierigen Augen. Seine Hände fummeln an ihr herum. Es scheint sie nicht zu stören. Der Typ von kleiner Statur und verlebt aussehend wirft hin und wieder auch einen lustvollen Blick auf mich. Ihm scheint es gleich zu sein mit wem er sich heute auslebt. Eine Lesbe drängt sich zu uns. Ihr Mund lacht, aber ihre Augen sind dunkel und eiskalt. Sie zerrt an uns herum. Als mich ihr wirrer Blick trifft erschauert´s mich. Es scheint als sieht sie durch mich hindurch. Hier greifen wohl noch andere Drogen. Unheimlich...                                                                                                                       Auch Regina tanzt. Inmitten der Menge bewegt sich ihr Körper scheinbar lustlos im Takt der Musik. Sie ist nicht so recht mit Freude dabei. Nun ja, an Prinzen mangelts hier im Lokal. Ich konzentriere mich lieber auf´s Beobachten und schalte Emotionen weitgehend aus. Ich kann eh nicht mithalten. Dazu ist meine Seele zu nüchtern.

Nach 2 Stunden können wir Martina von ihrem Schmusi trennen und zum Gehen überreden. Wie schön! Wir sind glücklich. Sie wird es uns später danken nicht neben einem Gnom aufgewacht zu sein. Schnell hole ich noch meine Sachen von Regina und mache mich auf den Heimweg. Es ist 4 Uhr morgens und nieselt leicht. Kalt ist es und mich fröstelt. Flotten Schrittes versuche ich die Strecke hinter mich zu bringen. Hier und da Leute mit Flaschen in der Hand. Zwei Männer die sich erregt gegenüber stehen. Jeweils die Hände im Jackenärmel des Gegenüber verkrallt. Die wollen ihren Tanz auf eigene Weise. Geh schnell vorbei, denke ich, sonst wirst du noch Teil ihrer Geschichte. Die Straßen sehen aus wie nach einem Bombenanschlag. Mir ist ängstlich zumute. Meine Tasche halte ich fest am Körper und mein Handy in der rechten Hand für den Notfall. Ich laufe mit meinen Hochhackigen über Abfall jeglicher Art. In den Slums dieser Welt kann es nicht schlimmer aussehen. Nach dem ganzen Trubel wirkt die Ruhe regelrecht unheimlich. Ich habe das Gefühl alle sind gestorben, nur ich bin noch da.

Endlich! Ich schließe die Haustür auf und mein Katerchen wartet schon im Flur auf mich. Ich bin erleichtert. Zu Hause – ein gutes Gefühl. An solchen Tagen an denen der Wahnsinn regiert, sollte man lieber daheim bleiben.

 

 

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